ernte-und-aufbruch-teil-2

 

Ernte und Aufbruch Teil 2 – ein Interview

Mit Barbara Geyer-Burkhardt

ernte-und-aufbruch-teil-2Nachdem Claudia Kundigraber in unserem letzten GLYCKsblog so aufschlussreich und zauberhaft über Ernte und Aufbruch im Leben schrieb, über die Wicken in ihrem Garten, was wir gesät haben und was wir an Ernte erwarten, ob diese tatsächlich eintrifft und darüber, dass das Leben kein Bankkonto ist, habe ich mich entschlossen, eine Fachfrau zum Thema „Ernte“ zu befragen. Sie steckt mittendrin in der Ernte und was für sie Aufbruch bedeutet, das wüsste ich auch gern.

Barbara Geyer-Burkhardt, 63 Jahre, Bäuerin in der 3. Generation und DEMETER Bäuerin seit 1991, lebt und arbeitet in Großhöchberg, Gemeinde Spiegelberg.

 

Barbara betreibt gemeinsam mit ihrem 8 Jahre jüngeren Bruder Theo den Demeter Hof mit Stall und Vieh, Wiesen, Feldern, Wald und demnächst auch einem Ferienhausbetrieb. Beide haben Kinder, mittlerweile erwachsen, die mit ihren Partnern bei Bedarf den Hofbetrieb unterstützen. Unter der Woche arbeiten die beiden allein und am Wochenende trifft man sich zu gemeinsamen Arbeitseinsätzen. Manchmal kommt Hilfe von Praktikant*Innen oder Dorfbewohner*Innen. Besonders die Erntezeit ist ein fester Bestandteil des Jahreskreislaufes in dem kleinen Dorf und wenn die Kartoffeln eingefahren werden helfen sogar die Kinder im Dorf mit oder sammeln was liegen geblieben ist von den Feldern. Besonders beliebte Sammelobjekte sind, beim Bioanbau häufiger vorkommende Kartoffeln in ungewohnten Formen, z.B. Herzen, dicke Männchen mit Armen und Beinen oder lustige Köpfe mit Ohren und knubbeligen Nasen.

Der Stall des Hofes mit dem gehörnten Fleckvieh ist ein beliebtes Ausflugsziel für die Kinder des Dorfes oder den Besuch aus der Großstadt, der beim Dorf Sightseeing unweigerlich bei den hübschen Tieren landet.

ernte-und-aufbruch-teil-2

 

Barbara, ihr steckt doch gerade mitten in der Ernte. Erzähl doch mal, was ihr schon eingefahren habt und was ihr noch erwartet.

Unsere erste Ernte war die Getreideernte, also Dinkel. Das hat uns viele Nerven gekostet! Wir bauen Dinkel an für das Erdmannhäuser Unternehmen Huober für Bio-Brezeln und Kindernahrung. Da muss die Qualität entsprechend hoch sein. Das war dieses Jahr nicht der Fall durch den vielen Regen. Außerdem war es auch mit der Ernte schwierig. Als es endlich einen Termin gab mit dem Mähdrescher, ist dieser in Dauernberg liegen geblieben. Und als er wieder repariert war, hat es zwei Wochen durchgeregnet. Ein Glück hat der Huober den Dinkel trotzdem abgenommen, auch wenn die Qualität nicht erstklassig war durch die verspätete Ernte. Dann haben wir das Futtergetreide geerntet für unser Vieh. Aber auch das mussten wir ausbreiten und trocknen, um es dann mit dem vom letzten Jahr zu mischen. Jetzt sind wir in der Kartoffelernte. Danach kommen die Möhren, Rote Bete, Steckrüben und dann das Kraut. Also alles Lagergemüse.

 

Was geschieht mit den Sachen, die ihr erntet?

Die Sachen werden zuerst eingelagert. Das Gemüse wird in unseren Kühlräumen gelagert, die Kartoffeln im Kartoffelkeller, der früher einmal ein Schweinestall war. Dann wird es nach und nach aufbereitet, geputzt und sortiert, gewaschen und verkauft. Zum Teil gehen die Sachen an den Großhandel. Dann an die Marktbetreiber. Das sind unsere Nachbarn im Dorf, die Wochenmärkte in Schwäbisch Hall und Heilbronn machen. Und es gibt auch einige Privatkunden.

Dann gibt es ja auch noch das Vieh. Wir schlachten 2 bis 3 mal im Jahr. Das meiste davon wird an Privatkunden verkauft. Es gibt aber auch jedes Jahr einige Rinder, die wir mästen und die den Sommer über auf der Weide bleiben dürfen. Diese verkaufen wir dann an Bio-Metzgereien.

 

Seid ihr bis jetzt zufrieden? Ist es ein ertragreiches Jahr?

Das Jahr war echt schlecht. Für mich persönlich eines der schwierigsten Jahre, das ich erlebt habe. Das kann man von außen betrachtet kaum verstehen. Es war zwar keine extreme Hitze, aber dafür extrem viel Regen. Und irgendwie hatten wir auch schon Ernteausfälle aufgrund von extremer Hitze, aber da hat es doch manches ganz gut geschafft. Dieses Jahr ziehen sich die Ausfälle durch alle Kulturen. Kartoffeln sind nur die Hälfte, Möhren und Rote Bete auch. Das Kraut steht ganz gut da. Aber irgendwie hat die Wärme gefehlt. Wir sind mit dem Unkraut jäten kaum hinterhergekommen. Wir haben so viel Arbeit reingesteckt. Durch den vielen Regen ist es aber so schnell nachgewachsen. Dann war der Boden verdichtet und wir konnten mit der Maschine nicht reinfahren. Wir hatten so viele Helfer auf dem Acker, aber wir sind dem Unkraut nicht Herr geworden. Die Kulturpflanzen hatten leider nicht so viel Drive wie das Unkraut! Die sind einfach untergegangen. Das war hart, so viel Energie da rein zu stecken, Zeit und Geld und dann wird es nichts.

 

Was bedeutet die Erntezeit im Leben einer Bäuerin?

Die Erntezeit ist die Zeit im Jahr, wo du den Lohn bekommst für deine Zeit und Energie, die du investiert hast. Das ist ein aufbauendes Erlebnis.

Und es ist immer wieder ein Wunder, wenn man ein Samenkorn in den Boden steckt, und zur Ernte hast du eine fertige Möhre oder Kartoffel. Das ist schon toll!

Auch wenn mal was nicht wird, freut man sich über das, was es geschafft hat. Die Ernte an sich ist eine wunderschöne Zeit, draußen auf dem Acker stehen und die Farben des Herbstes oder einen Regenbogen bewundern. Das hat was!

 

Und was kommt danach? Beine hochlegen?

Irgendwie schon! Wenn die Ernte dann wirklich drin ist, dann hast du was geschafft und einen Abschnitt beendet. Die Ernte ist schon immer ein großer Organisationsaufwand und eine stressige Zeit. Dann tut es gut, wenn Ruhe einkehrt. Wobei es mit der eingefahrenen Ernte nicht getan ist. Alles muss ja auch wieder raus und du musst es erst vermarkten, bevor du einen wirtschaftlichen Nutzen davon hast.

 

Kommt nach jeder Ernte nicht unweigerlich ein Neuanfang? Bist du schon in Aufbruchstimmung?

Ja, die Aufbruchstimmung setzt eigentlich erst ein wenig später ein. Jetzt, direkt nach der Ernte, ist erstmal Zeit für Erntedank. Dann darf man sich etwas ausruhen und Richtung Weihnachten oder kurz danach beginnen die Überlegungen und der Aufbruch. Dann beschäftigen uns die Fragen, was machen wir anders, was muss neu werden und was haben wir fürs nächste Jahr geplant. Aber für mich ist der November und Dezember immer eine tolle Zeit. Normalerweise ist dann Zeit, das Getane zu verdauen. Durchatmen.

 

ernte-und-aufbruch-teil-2Der ewige Kreislauf von Ernte, Bearbeitung der Felder und Neuanfang. Aussaat, Bewässerung, Unkraut jäten und vieles mehr. Was hat sich an eurer Arbeit verändert in den letzten 30 Jahren?

Ich habe das ja schon als Kind alles miterlebt. Da war es natürlich völlig anders. Da hatten meine Eltern noch Milchvieh und Schweine. Aber wir haben dann den Betrieb umgestellt, denn konventionelle Landwirtschaft konnten wir uns nicht vorstellen. Für uns war ein Biobetrieb die Bedingung dafür, die Landwirtschaft der Eltern weiterzuführen.

Komischerweise hatten meine Eltern viel weniger Geschäft, kleinere Äcker und weniger Vieh und trotzdem haben sie davon gelebt. Ein großer Teil der Erträge machte damals auch noch der Waldbetrieb und die Holzwirtschaft aus. Das bricht immer mehr weg durch den Klimawandel, die Dürre und den Schädlingsbefall. Das Klima und die Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben sich schon stark verändert. Die Auswirkungen spüren wir vor allem in den letzten 3-4 Jahren. Die extreme Hitze, vertrocknete Wiesen und verbrannte Frucht. Das fehlende Wasser und die Trockenheit machen uns in der Landwirtschaft zu schaffen. Die Stärke der Auswirkungen hat mich schon sehr überrascht. Und dabei haben wir noch Glück in einer gemäßigten Klimazone zu leben.

Die Technik und die Maschinenarbeit haben sich auch stark verändert in den letzten 30 Jahren. Vor allem durch die Vollernter, die bei der Kartoffel- und Möhrenernte zum Einsatz kommen. Damals war man noch mit viel mehr Menschen auf dem Acker und es war wesentlich anstrengender. Die Maschinen haben es schon leichter gemacht, aber dafür haben wir jetzt viel mehr im Anbau, größere Umsätze, aber auch einen größeren Bedarf. Früher haben meine Eltern viel weniger Geld für ihren Lebensunterhalt gebraucht.

Was sich auch verändert hat, ist die Familie auf dem Hof. Früher waren wir mit unseren kleinen Kindern und den Großeltern drei Generationen auf dem Hof. Es war toll mit so vielen Menschen gemeinsam auf dem Hof zu leben und gemeinsam zu arbeiten. Jetzt sind wir allein, was den Vorteil hat, dass wir mehr Freiheiten haben und uns nicht immer mit allen Familienmitgliedern absprechen müssen, wenn wir mal eine Pause brauchen oder ein paar Tage Urlaub wollen. Wir müssen niemanden fragen, so wie früher. Das ist manchmal schwierig gewesen in einem Mehrgenerationenbetrieb, sich mit allen abstimmen zu müssen.

 

Was fehlt dir von früher? Und was wünscht du dir für die Zukunft?

Die Kinder und der größere Kreis Menschen gemeinsam auf dem Hof, das fehlt mir schon manchmal. Es war eine schöne Zeit mit den Kindern. Die Mehrfachbelastung war zwar manchmal hart und da frage ich mich oft, wie ich das mit den Kindern gemacht habe. Aber es gab ja noch die Großeltern, die Zeit mit ihren Enkeln verbracht haben. Das war schön, das so zu erleben.

Ich muss ja mit meinen 63 Jahren langsam überlegen, wie es weitergeht. Ein bisschen weniger arbeiten und noch ein bisschen mehr erleben. Für die Zukunft wünsche ich mir natürlich schon, dass es mit dem Hofbetrieb irgendwie weiterläuft. Vielleicht ist es eine Option mit der Gärtnerei und der SOLAWI in Großhöchberg zu kooperieren und den Betrieb gemeinsam weiterzuentwickeln. Aber das ist dann nicht mehr mein Part. Ich unterstütze und wirke da gern mit, aber das müssen dann andere machen. Wir haben schon so viel verändert in den vielen Jahren.

Ich habe jetzt noch als neues Projekt das Ferienhaus mit mehreren Wohnungen, was auch ein bisschen als Einnahmequelle fürs Alter dienen soll. Da gibt es für mich noch etwas zu tun.

 

Braucht es einen Aufbruch in der Gesellschaft und ein Umdenken zugunsten der Landwirtschaft? Was meinst du?

Auf jeden Fall! Das war ja großes Thema im vergangenen Wahlkampf. Wer hätte das vor 5 Jahren gedacht, dass das für alle Parteien Thema werden wird und alle damit Wahlkampf betreiben. Da muss dringend was geändert werden zu Gunsten des Klimaschutzes und die biologische und regionale Landwirtschaft braucht mehr Anerkennung und Wertschätzung. Die Menschen müssen aber dringend umdenken und akzeptieren, dass Biogemüse nicht genormt ist und auch krumme Möhren lecker schmecken oder die Kartoffel eben auch mal ein Löchlein hat. Die Anspruchshaltung der Menschen diesbezüglich muss sich ändern. Dann hätten wir vielleicht weniger Probleme beim Großhändler, unsere Sachen zu einem guten Preis loszuwerden. Das ist nämlich das nächste Problem, die Preise. Die bestimmen ja nicht wir, sondern der Großhändler sagt, was er uns für unsere Waren zahlt. Also nicht wir sagen, was wir für unsere Arbeit bekommen, wie es eigentlich in vielen anderen Bereichen läuft.

 

Wie steht es mit dem Glück? Bist du im Großen und Ganzen zufrieden und glücklich mit deinem Leben und Arbeiten als Bäuerin in Großhöchberg? Und warum?

Meistens schon. Ich bin ja hier aufgewachsen und war schon oft woanders, aber ich bin immer wieder zurückgekommen. Ich hänge schon an diesem Ort. Ich konnte hier auch meine Träume verwirklichen und haben die Landwirtschaft schon früh als möglichen Arbeitsplatz für mich erkannt.

In der Jugend war es manchmal etwas eng hier, aber zum Glück hat sich auch das Dorf verändert. Wenn es noch so wäre wie vor 30 Jahren, dann wäre ich vielleicht nicht mehr hier. Meine Mutter hat schon immer Anstoß dazu gegeben, dass nicht nur die Kultur im Boden gepflegt wird, sondern auch die geistige. Sie war unter anderem Mitbegründerin des Singkreises in Großhöchberg und hat sich immer für Kunst und Kultur in unserem kleinen Dorf stark gemacht, vom Johannifeuer über Konzerte bis zu Kinderfreizeiten im örtlichen Klosterhof. Später kamen dann immer mehr kulturelle Angebote im Dorf dazu, wie zum Beispiel das Theater. Das fand ich schon immer toll! Das fördert die Lebensqualität hier enorm. Zumal mir die Kunst schon immer am Herzen lag und ein Kunststudium für mich als junge Frau eine mögliche Alternative zur Landwirtschaft war. Ich war lange hin und her gerissen zwischen beidem und habe mich dann doch für die Landwirtschaft und gegen die Malerei entschieden. Den Anspruch an eine schöne Gestaltung im Haus und immer einen Strauß auf dem Tisch habe ich mir aber weiterhin bewahrt. Das pflege ich weiter, genauso, wie es meine Mutter und Großmutter tat.

 

Zu guter Letzt wüsste ich gern 3 Dinge, die ich von einer Bäuerin lernen kann?

  • Kartoffelsalat
  • Die Verbundenheit zur Natur und zu den Tieren. Das gebe ich vor allem gern an die Kinder weiter. Deswegen sind Kinder mir im Stall immer willkommen.
  • Zuversicht und Hoffnung, dass mit jedem Samenkorn wieder etwas Neues wachsen kann.
Man bekommt jedes Jahr aufs Neue die Chance für Neubeginn und Veränderung.

Liebe Barbara, danke für dieses schöne Gespräch!

Deine GLYCKsbloggerin Melli Hellebrand

 

Melanie Hellebrand

Systemische Therapeutin & Beraterin
HELDENDASEIN aufrichten.ausrichten.weitergehen


www.heldendasein.de

 

 

 

Systemische Beratung

Ausgebrannt & abgetaucht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 

Bleib auf dem Laufenden über Aktuelles und erhalte Inspirationen für ein erfülltes Leben im Hier & Jetzt!

zum kostenlosen newsletter anmelden!
X
X